![]() |
||||||||
| webdesign by internet firm net-n-net München |
|
|||||||
|
|
||||||||
|
Klassik in der Krise Wer geht ins Konzert, wer hört Radio, wer kauft CDs? Die Branche büßt auf ganzer Linie ein Von Volker Blech und Stefan Kirschner Klassische Musik hat ein Akzeptanzproblem: Junge Menschen schalten um, wenn Mahler im Radio gespielt wird. Völlig uncooler Sound. Selbst die erfolgsverwöhnten Berliner Philharmoniker haben mit ihren Auslastungszahlen Probleme - trotz Sir Simons jugendlichem Nimbus. Totgesagte leben länger. Nun mag das Ende der klassischen Musik zwar noch lange nicht in Sicht sein, aber eine handfeste Krise ist auszumachen. Dass der CD-Klassik-Markt praktisch tot ist, bestreiten selbst die von Berufs wegen optimistischen Plattenfirmen nicht mehr. Im Rundfunk und Fernsehen ist die Klassik dabei, aus den kleinsten Programm-Nischen vertrieben zu werden. Selbst die Berliner Philharmoniker kamen im ersten Halbjahr 2003 nur noch auf eine Auslastung von knapp 83 Prozent. Das sind drei Prozent Hörer weniger. Auch das Konzerthaus lockte immer weniger Publikum an: Hier lag die Auslastung im ersten Halbjahr bei knapp 63 Prozent. Die beängstigenden Meldungen kommen allerdings von der Produzentenseite, etwa von der Deutschen Orchester-Vereinigung. Dort konstatiert man deutschlandweit in den letzten zehn Jahren 29 Orchesterauflösungen, zwei - darunter die Berliner Symphoniker - sind akut bedroht. Rund 1800 von insgesamt 12 159 Orchesterstellen sind abgebaut worden. Letztlich verbirgt sich hinter den Zahlen der Verlust einer Trägerklasse, der bürgerlichen Musikpraxis in der bundesdeutschen Demokratie drohen die leibhaftigen Verteidiger abhanden zu kommen. Auf drei wackelnden Säulen stehen die Klassik-Musiker hier zu Lande. Erstens gibt es 82 Opernorchester in den Stadt- und Staatstheatern sowie, zweitens, 35 Konzertorchester, die ihre Gründung zumeist dem Adel oder den bildungs- und machtbewussten Bürgern zu verdanken haben. In Berlin sind gleich zwei Opernhäuser - die Hofoper Unter den Linden und die Deutsche Oper der engagierten Charlottenburger - aus dem Kulturkampf zweier Klassen hervorgegangen. Die Oper ist ein Tummelplatz der humanistischen Bildung und der Eitelkeiten. Spätestens mit dem Engagement der Kulturstaatsministerin für die Opernreform in Berlin wurde deutlich, wie mächtig die Opernlobby in der Hauptstadt nach dem Zuzug der Bundesregierung wieder geworden ist. Es mutet schon fast exotisch an, dass sich aufgrund thüringischer Identitätssuche eine Stadt wie Erfurt ein neues Opernhaus leisten kann. Kleinere Städte haben oft weniger Glück mit ihren Repräsentanten. Dort ist man wegen sinkender Gewerbesteuereinnahmen und steigender Kita-Gebühren opferbereiter. Und fühlt sich dabei im Einklang mit seinen Bürgern. Zu den traurigen Erkenntnissen in den östlichen Bundesländern gehört, dass die vermeintlich sozialistische Erziehung keine Gesellschaft unisono zu Klassikliebhabern erziehen kann. Die mit Kollektivausflügen und Billigstkarten in die große Stadt chauffierte Arbeiter- und Bauernklasse blieb nach der Wende letztlich wieder zu Hause - als die Kultur an der Abendkasse anfing, richtiges Geld zu kosten. Aber auch im Westen sind die Bildungseliten dabei, sich von der Klassik zu verabschieden. Der Bund und die Länder als Geldgeber haben über Jahrzehnte den Bürger vom Musikbetrieb entfremdet. Das regelmäßig beschworene Bürgerengagement ist in der Klassik eine Fama. Was die öffentliche Hand nicht (mit)finanziert, hat keine Überlebenschance. Das bürgerliche Selbstverständnis hat sich verändert. Die Populärkultur des 20. Jahrhunderts, die daran anknüpft, dass jeder Mutwillige ein Künstler ist und obendrein erfolgreich sein kann, hat ihre Spuren selbst in der hochspezialisierten Klassik hinterlassen. Der Nachwuchs ist nicht mehr ohne weiteres bereit, seine Freizeit am Klavier zu verbringen und Musik von Vorgestern durchzuexerzieren. Es ist sexy, Eminem auf der Brust zu tragen. Seinen Lieblingspopstar live zu erleben ist ein Event, während das Erzählen von einem Besuch im Konzerthaus auf dem Schulhof nur mit einer Blamage enden kann. Klassischer Musik haftet eine Aura des gähnend Langweiligen an. Die Musikhochschulen - auch in Berlin - überleben nur noch durch die Neugier ausländischer Studenten. Viele junge Asiaten wollen an der Quelle der abendländischen Musik zu lernen: Man bleibt beim Studium häufig unter sich. Neue Musik ist seit einigen Jahrzehnten den Hörern kaum noch zu vermitteln. Es ist eine logische Entwicklung, dass die Musikerziehung in der Schule als unzureichend empfunden wird. Klassik ist Geschichte, die Vermittlung ins heutige Lebensgefühl nur mit Mühe möglich. Die Opernhäuser holen sich dazu mehr oder weniger provozierende Regisseure. Und im Altmeisterfach der Dirigenten wird zunehmend Jugendfrische gefordert. Denn natürlich sind auch die Distribuenten in der Krise: Frische Bilder braucht das Fernsehen, als Klangkulisse eignet sich Moby besser als Mahler. Bei der Fusion der beiden RBB-Kulturradios setzt man auf Klassik in Häppchen - fade Fünf-Minuten-Terrinen, schnell gekocht, leicht verdaut. Das dritte Standbein, die Rundfunkorchester, beginnt gerade zu wanken. Der RBB übernimmt eine Vorreiterrolle in der ARD, wenn er die Berliner Anteile an der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) nicht übernimmt. Bislang verzichtet lediglich die Mini-Anstalt Radio Bremen auf ein eigenes Rundfunkorchester. Die Berlin-Brandenburger Ablehnung werden andere Intendanten neugierig wahrnehmen. Denn die nächste Diskussion um die Verwendung von Rundfunkgebühren kommt bestimmt. Quellenangabe: Berliner Morgenpost, vom: 24.09.2003 |
|||||||
|
|
|
|
|
|
||||