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Förderung der Musikkultur bei Kindern –
Entwicklung einer modellhaften Musikerziehung
in Kindergärten und Grundschulen
- Projektergebnisse - Dass Musik einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung von Kindern leistet, ist in einer Reihe von Untersuchungen in den letzten Jahren immer wieder bestätigt worden. Doch wie lassen sich diese Erkenntnisse in den Schulen umsetzen? Hier ist dem Projekt „Förderung der Musikkultur“ der Bertelsmann Stiftung und des NRW-Ministeriums für Schule, Jugend und Kinder ein entscheidender Durchbruch gelungen. Projektdesign: Über Fortbildung zu verändertem Unterricht Ziel des 1998 begonnenen Projektes war es, Lehrer und Erzieherinnen zu qualifizieren und die Kinder durch verbesserte Musikerziehung zu fördern. Fünf Schulen und zwölf Kindergärten in NRW waren an dem Projekt beteiligt. Zehn Lehrer und elf Erzieherinnen besuchten über vier Jahre regelmäßige Fortbildungen. Die Seminare setzen sich aus verschiedenen Modulen zusammen: von Rhythmustraining, Stimmbildung, Gitarrenunterricht und Harmonielehre bis hin zur Entwicklung schuleigener Lehrpläne. Das Projekt wurde von einem Team des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn unter Leitung von Prof. Dr. Eckard König und Dr. Katja Luchte wissenschaftlich begleitet: Alle sechs Monate führte Katja Luchte Interviews mit den Teilnehmern der Fortbildung, aber auch mit den Dozenten, mit Kollegen und Schulleitungen und schließlich mit Eltern und sogar einigen Kindern. 74 Personen wurden in diesem Zeitraum (die meisten mehrmals) nach ihrer Einschätzung befragt: Was haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus der Fortbildung mitgenommen? Was konnten sie tatsächlich im Unterricht oder im Kindergarten umsetzen? Hat sich ihr Unterricht verändert? Was haben die Kollegen von dem Projekt erfahren? Hat das Projekt die Schule verändert? Und vor allem: Hat der veränderte Musikunterricht Auswirkungen auf die Kinder? Lassen sich Veränderungen in ihrem Verhältnis zur Musik, aber auch in ihren kognitiven Fähigkeiten und ihrem Sozialverhalten feststellen? Wie sehen die Eltern diese Entwicklung? Was haben sie von dem Projekt mitbekommen? Daneben wurden schriftliche Befragungen durchgeführt. Ergebnisse: Veränderungen bei Teilnehmern, Kindern und Familien Die Ergebnisse, so Eckard König, sind beeindruckend: Sämtliche Beteiligte stimmen in ihrer positiven Einschätzung überein: „Das Projekt ist ein toller Ansatz, Musik in den Grundschulen wieder lebendig werden zu lassen“, so eine Lehrerin. Ebenso deutlich die Einschätzung der Eltern: „Aus der Erfahrung, die ich hier gemacht habe, kann ich sagen, dass mein nächstes Kind auch an eine Schule gehen soll, an der Musik gefördert wird. Ich finde, dass das in unserer Gesellschaft vernachlässigt wird.“ Eine andere Mutter bestätigt: „Ich wünsche mir, dass dieses Projekt lebendig gehalten wird und dass auch die anderen Kollegen davon erfahren und Dinge in ihren eigenen Unterricht tragen können.“ Welche Veränderungen durch das Projekt angestoßen wurden, lässt sich schrittweise verfolgen. Teilnehmer: Mehr Kompetenz und Selbstbewusstsein, kreativerer Unterricht Auf einer ersten Ebene verändern sich die Kompetenz und Einstellung der Lehrer und Erzieher: „Das Projekt hat meine eigene Kompetenz gesteigert. Ich habe grundlegende Fähigkeiten erworben, die ich vorher durch meine Ausbildung nicht hatte“, so eine Erzieherin. Daraus resultiert eine veränderte Selbstwahrnehmung: „Ich gehe mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein in den Musikraum.“ Entsprechend bestätigen Erzieherinnen in den Interviews: „Mein Selbstvertrauen ist stark gewachsen. Ich habe nicht mehr so viel Angst, etwas vorzusingen.“ Noch wichtiger ist vermutlich die veränderte Einstellung der Lehrer und Erzieherinnen zur Musik: „Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass Musik eine andere Ebene ist, die wir in unserem Leben nicht ausschließen sollen. Und für mich ist ganz klar, dass ich in diesem Bereich weiter lernen möchte.“ „Durch dieses Projekt habe ich erkannt, dass sich meine Aufgaben verändert haben. Ich sehe es als meine Aufgabe an, Musik täglich erlebbar zu machen“. Dass gesteigerte Kompetenz und veränderte Einstellung den Musikunterricht bzw. die Arbeit im Kindergarten verändern, liegt auf der Hand: „Mein Musikunterricht ist viel besser geworden: Früher war mein Musikunterricht ein Unterricht mit dem Kassettenrecorder. Mittlerweile ist es normal, dass wir singen, dass wir auf Instrumenten spielen, dass wir tanzen.“ Gesang, Bewegung, Rhythmus, Tanz haben Einzug in Schulen und Kindergärten gehalten, die Kinder bauen Instrumente und spielen auf ihnen, die Lehrer und Erzieherinnen führen Projekte durch, wie z.B. Zirkus- oder Theaterprojekte. Die Begeisterung der Lehrer und Erzieher sowie die Auswirkungen auf den Alltag in Kindergarten und Schule überzeugten auch die Leitung und Kollegen der Einrichtungen: In allen beteiligten Schulen und Kindergärten ist Musik in das Schul- und Kindergartenprogramm aufgenommen worden: Musik ist Bestandteil des Schullebens, es gibt Singnachmittage mit Eltern, musikalische Darbietungen bei Schul- und Kindergartenfesten, das „Frühlingssingen“ einer ganzen Schule, Vorführungen im Kindergarten mit Musik usw. Kinder: Größere musikalische Kompetenz, verbessertes Sozialverhalten Positive Auswirkungen von Musik auf das Verhalten der Kinder sind in einer Reihe von Studien untersucht und werden auch in diesem Projekt bestätigt. Zunächst äußere Fakten: Während in den vergleichbaren Klassen im Durchschnitt 4 bis 5 Kinder ein Instrument spielten, sind es in den Klassen, die an dem Projekt beteiligt waren, im Durchschnitt 10. Während sonst 4 bis 5 Kinder Noten kennen, sind es jetzt 15. Kinder können besser Rhythmen halten, möchten von selbst ein Instrument lernen, singen mehr. Den Eltern fällt es auf: „Ich vergleiche meine beiden Kinder: Mein Sohn, der am Projekt teilgenommen hat, singt mehr, das gehört jetzt zu seinem Leben.“ „In sämtlichen Lebenslagen singt meine Tochter: wenn sie Hausaufgaben macht, beim Spielen, in der Badewanne, beim Spazieren gehen.“ Insgesamt zeigen die Kinder in diesem Projekt ein auffällig größeres Interesse an Musik. Doch der entscheidende Faktor scheint zu sein, dass die Kinder ein anderes Verständnis für Musik entwickeln und gelernt haben zuzuhören: Sie lassen sich nicht von Musik berieseln, sondern verbinden Musik mit Sinn, achten auf die Bedeutung. Genau diese Beobachtung machen auch Eltern: „Meine Tochter singt die Lieder nicht nur runter, sondern sie macht die Mimik mit, sie spricht beim Singen mit den Händen. Wenn es um die Sonne geht, zeigt sie mit den Händen nach oben. Wenn die Blumen sprießen, bückt sie sich.“ Diese Fähigkeit zuzuhören überträgt sich auf andere Fächer: „Die Kinder lernen in den Musikstunden ein Zuhören, das sie hinüber nehmen in den anderen Unterricht“, sagt ein Lehrer. Zuhören können ist entscheidender Faktor für Konzentrationsfähigkeit. Deutlich höhere Konzentrationsfähigkeit wird bei einem großen Teil der Kinder von den Lehrern und Erzieherinnen beobachtet und auch von Eltern wahrgenommen. Dazu werden gestärktes Selbstbewusstsein, mehr Ausgeglichenheit und Gemeinschaftsgefühl genannt. Ein Bereich, der sich im Verlauf des Projektes als zunehmend bedeutsam herausstellte, ist die Integration ausländischer Kinder: Diese ist durch Musik offenbar in vielen Fällen besser möglich als auf sprachlicher Ebene: „Wir bekamen ein Kind aus dem Kosovo, das furchtbar unter den Kriegseinflüssen gelitten hatte. Ich habe gemerkt, wie dieses Kind durch Lieder und durch Bewegung immer lockerer wurde.“ „Ich hatte einen ausländischen Jungen, der wenig motiviert war, wenig leistungsbereit. Ich denke, durch Musik hat er gelernt, sich zu besinnen, sich auf das Lernen einzulassen, zu versprachlichen, zu sagen, was er empfindet. Er ist jetzt eher bereit, etwas zu sagen. Das macht sich auch in den anderen Fächern bemerkbar.“ Familien: Mehr Musik auch zu Hause Das Projekt verändert offenbar auch das Verhalten in den Familien. Auch dort wird mehr gesungen, mehr musiziert: „Ich singe jetzt sehr viel mehr mit meinem Sohn. Durch ihn lerne ich neue Lieder und erweitere damit auch meinen Liedschatz.“ Implementierung: Drei Erfolgsfaktoren sind entscheidend Eine entscheidende Frage im Projekt war, ob und wie sich Musik in Kindergarten und Schule implementieren lässt. Dass das gelungen ist, bestätigen Erziehrinnen, Lehrer und Eltern in sämtlichen Interviews. Eckard König vermutet, dass einige zentrale Faktoren zu diesem Erfolg geführt haben: das Konzept, die Methodik und die Persönlichkeit von Projektleiter und Dozenten. 1) Das Konzept: Keine vorgefertigten Rezepte Entscheidendes Merkmal der Projekt-Konzeption ist, dass den Teilnehmern der Fortbildung keine fertigen Unterrichtseinheiten angeboten wurden. Es wurden keine Rezepte in Form fertiger Stundenentwürfe gegeben, sondern Erzieherinnen und Lehrerinnen wurden angeregt, auf der Basis von Theorie und praktischen Anregungen „ihren“ eigenen Unterricht zu entwickeln. 2) Die Methodik: Theoretische Grundlagen für die Praxis, Tandembildung Im Gegensatz zu der anfänglichen Vermutung, dass die didaktisch-methodische Hilfestellung entscheidend sei, scheinen die in der Fortbildung vermittelten theoretischen Grundlagen ein entscheidender Erfolgsfaktor zu sein: Erzieher und Lehrer können dann gute musikpädagogische Arbeit leisten, wenn sie nicht nur mit dem Stoff vertraut sondern auch die theoretischen Grundlagen kennen. Im Unterschied zu anderen Konzepten besitzt in diesem Projekt die Theorie ein verhältnismäßig großes Gewicht innerhalb der Fortbildung. Dabei ist sie aber eng verknüpft mit der Praxis, mit eigenem Tun, eigenem Experimentieren, mit der Umsetzung in die eigene Arbeit: „Nach jeder Fortbildung hatte ich das Gefühl, ,Ja, das möchte ich umsetzen‘.“ Zum Beispiel habe ich einen Kanon umgeschrieben für meinen eigenen Unterricht.“ „Das praktische Erproben ist unbedingt notwendig. Musik unterrichten geht nicht, ohne dass man es selber macht“, so eine Teilnehmerin. Neben der Verknüpfung von Theorie und Praxis gibt es aber noch einen zweiten und vermutlich noch wichtigeren methodischen Erfolgsfaktor, das Tandem: Eine Lehrerin, die (z.B. auf Grund ihres Studiums) über Fachkompetenz im Bereich Musik verfügt, und eine „unerfahrene“ Kollegin tun sich zusammen und bilden das „Tandem“, das sich über die Erfahrungen im Musikunterricht austauscht, Stunden gemeinsam vor- oder nachbereitet oder auch eine interne Fortbildung für die anderen Kollegen organisiert. Das Tandem wird von allen als entscheidender Erfolgsfaktor eingeschätzt, weil es die Möglichkeit bietet, Kompetenz innerhalb einer Schule (das Tandem wurde nur für Schulen eingesetzt) weiterzugeben. Eine Teilnehmerin schildert die Vorzüge des Tandems: „Ein Kompetenter kann gemeinsam mit einem anderen Sachen entwickeln und Erfahrungen austauschen. Da gibt es Gewinn für beide Seiten.“ 3) Kompetenz und Persönlichkeit von Projektleiter und Dozenten Als dritter entscheidender Erfolgsfaktor kristallisiert sich in den Interviews die Kompetenz und Persönlichkeit von Projektleiter und Dozenten heraus. Guter Musikunterricht, so die übereinstimmende Einschätzung, lässt sich nicht allein aus Büchern und noch so gut aufbereiteten Materialien erlernen: „Wenn man ausschließlich auf Materialien setzt, wenn der persönliche Bezug fehlt, dann kann das nicht funktionieren“, so eine Teilnehmerin der Fortbildung. Die Grundidee, Musik in einem spielerischen Ansatz zu vermitteln, die Einstellung und das Engagement der Lehrerinnen und Erzieherinnen lässt sich nur in einer „persönlichen Beziehung“ weitergeben. Hier hat z.B. die Person des Projektleiters entscheidende Bedeutung: „Er ist sicher in der Theorie, hat das pädagogische Verständnis und hat es geschafft, das zusammen zu bringen.“ „Er war von der Sache begeistert. Er war von sich überzeugt und hat gesehen, dass er damit den Musikunterricht verändern kann. Das hat er an die Teilnehmer vermittelt. Entsprechendes gilt für die Dozenten: „Die Motivation und Begeisterung der Dozenten haben zum Erfolg beigetragen.“ Ergebnis: Ein Konzept, das die Musikerziehung verändern kann Greifbares Ergebnis des Projektes ist ein Konzept, das den Musikunterricht verändern kann. Für die Weiterführung des Projektes liegen Ansätze vor: das Tandem, die schulinterne Fortbildung, bei der Teilnehmer der Fortbildung ihre Ideen an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben. Derzeit werden die in den Fortbildungen gemeinsam erarbeiteten Materialien aufbereitet Die Bertelsmann Stiftung plant, diese Materialien 2004 zu veröffentlichen und das entwickelte Fortbildungsmodell auch in anderen Bundesländern zu etablieren. |
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